
Kay Golz-Schmidt
Lerner-Experte
„Und ich will meinen Kindern etwas bieten können – ein gutes Leben, gute Erinnerungen, gute Unterstützung. Dafür kämpfe ich. Jeden Tag.“
- gibt nicht auf
- hat eine Selbsthilfegruppe gegründet
- hört und macht gerne Musik
- Sein Motto: Ohne Hoffung geht nichts!
Ich heiße Kay, bin Jahrgang 1979 und geboren in Berlin‑Lichtenberg. Meine Kindheit und Jugend verliefen ganz anders, als ich es mir heute für meine eigenen Kinder wünschen würde. Mit drei Jahren kam ich ins Heim. Das Leben dort war streng, laut und manchmal ungerecht. Als Kind war ich fröhlich, als Jugendlicher oft „schwierig“ – weil ich mich eingeengt fühlte, weil ich raus wollte, weil ich vieles nicht verstanden habe. Schule hat mich wenig interessiert. Ich war lieber draußen, bin im Wald geklettert, bin weggelaufen, habe Mist gebaut. Und vieles von dem, was in meiner Akte steht, ist aus dieser Zeit.
Was ich damals nicht wusste: Dass ich Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben habe. Niemand hat es bemerkt – auch ich nicht. Ich dachte einfach, ich sei „schlecht in Schule“. Erst viel später wurde mir klar, was wirklich los war.
„Ich dachte einfach, ich sei „schlecht in Schule“. Erst viel später wurde mir klar, was wirklich los war.“
Kay Golz-Schmidt
Mit fast 20 zog ich in meine erste eigene Wohnung. Vieles lief chaotisch, mein Leben hatte wenig Struktur. Von meinem Geld habe ich Sachen für andere gekauft, meine Wohnung sah wild aus. Und doch war es der Anfang eines neuen Lebensabschnitts – ich war draußen, raus aus dem Heim und musste plötzlich selbst entscheiden, wie es weitergeht.
Der große Wendepunkt kam, als ich Vater wurde. Als ich erfahren habe, dass ich einen Sohn habe, hat es bei mir Klick gemacht. Plötzlich war da jemand, der mich brauchte. Jemand, für den ich Verantwortung tragen wollte. Ich wusste: So wie bisher konnte es nicht weitergehen. Und ich habe angefangen, wie ich heute sage, „mein Leben in die Hand zu nehmen“.


Ich habe gearbeitet – in Grünflächenämtern, in der Reinigung, im Winterdienst und vieles mehr. Zum Beispiel habe ich auch mal bei einem Internet-Radio mitgemacht, das war super! Ich habe mich dort um die Musik gekümmert. Ich höre und mache sehr gerne Musik. Außerdem habe ich viele Weiterbildungen gemacht, immer wieder, weil ich weiterkommen wollte. Nie habe ich mich hängen lassen. Auch wenn es Rückschläge gab, auch wenn ich manchmal am liebsten alles hingeschmissen hätte: Ich habe weitergemacht. Das habe ich auch meinen Freunden zu verdanken. Von ihnen habe ich sehr viel Rückhalt und Unterstützung bekommen.
Trotzdem blieb da etwas, das mich blockierte: das Lesen und Schreiben. Es gab Situationen, die ich vermeiden wollte. Formulare, Briefe, schriftliche Aufgaben. Ich hatte Angst, dass jemand merkt, dass ich unsicher bin. Also habe ich mich versteckt – jahrelang.
Bis ich irgendwann im Jobcenter den Mut hatte, meine Sachbearbeiterin zu fragen, ob es eine Möglichkeit gibt, meine Lese‑ und Rechtschreibschwierigkeiten zu verbessern. Das war ein wichtiger Schritt – vielleicht einer der mutigsten meines Lebens. Ich wollte einfach, dass sich etwas ändert. Ich habe daran geglaubt, dass es möglich ist. Ohne Hoffnung geht nichts.
So bin ich zu Lesen und Schreiben e. V. gekommen. Ich war aufgeregt, unsicher, schüchtern. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Aber dieser Ort hat mich aufgefangen. Ich kam in die „Klasse 2“, eine Gruppe von Menschen, die schon einiges konnten, aber noch Baustellen hatten. Wir haben gelernt, geschrieben, geübt, diskutiert. Und ich habe schnell gemerkt: Ich bin nicht allein. Viele haben ähnliche Lebensgeschichten. Viele haben sich jahrelang versteckt. Viele haben Mut gebraucht, um hierherzugehen.
Das Lernen war anstrengend, aber gut. Ich habe gemerkt, dass ich ein praktischer Lerner bin – ich muss Dinge anfassen, ausprobieren, laut denken. Und Stück für Stück wurde ich sicherer. Laut vorlesen, Dinge erklären, Briefe verstehen – das alles ging auf einmal leichter. Ich habe mich getraut, Fehler zu machen. Ich habe aufgehört, mich zu verstecken.
„Einer der größten Erfolge für mich ist, dass ich meine Kinder in der Schule unterstützen konnte. Der Wunsch, für meine Kinder da zu sein, hat mir schon immer Kraft gegeben.“
Kay Golz-Schmidt
Einer der größten Erfolge für mich ist, dass ich meine Kinder in der Schule unterstützen konnte. Der Wunsch, für meine Kinder da zu sein, hat mir schon immer Kraft gegeben. Früher hatte ich Angst, ihnen vorzulesen oder ihnen bei Hausaufgaben zu helfen. Heute mache ich es einfach. Ich lese langsamer, manchmal mit Stottern – aber ich mache es. Ich kann bei Mathe unterstützen, ich kann Dinge erklären. Und das fühlt sich gut an.
Seit meinen Jahren beim Lernort Lesen und Schreiben e. V. habe ich viel erreicht: mehr Selbstbewusstsein, mehr Sicherheit, mehr Klarheit darüber, wer ich bin. Ich habe gelernt, dass ich keine Angst haben muss, entdeckt zu werden. Ich bin offen mit meiner Schwäche. Und gerade dadurch wurde sie zu einer Stärke.

Heute engagiere ich mich selbst für den Bereich Grundbildung. Ich bin Lerner-Experte in Schulungen der Stiftung Grundbildung Berlin, spreche mit Beraterinnen und Beratern, Jobcentermitarbeiterinnen und -mitarbeitern und Mitarbeitenden der Berliner Verwaltung darüber, wie es Menschen wie uns geht. Und ich habe sogar eine Selbsthilfegruppe für funktionale Analphabetinnen mitgegründet. Denn ich will anderen zeigen: Ihr müsst euch nicht verstecken. Ihr seid nicht allein.
Ein wichtiges Ziel für mich ist, unabhängig zu sein! Ich möchte wieder arbeiten, stabil und zuverlässig. Und ich will meinen Kindern etwas bieten können – ein gutes Leben, gute Erinnerungen, gute Unterstützung. Dafür kämpfe ich. Jeden Tag.
„Ein wichtiges Ziel für mich ist, unabhängig zu sein! Ich möchte wieder arbeiten, stabil und zuverlässig.“
Kay Golz-Scmidt
Wenn du das hier liest und selbst Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hast, möchte ich dir etwas sagen:
Hab Mut!
Es ist nie zu spät!
Ob du jung bist oder schon älter – du kannst neu anfangen.
Die Tür geht manchmal erst auf, wenn man klopft.
Ich habe lange gezögert. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht.
Und es war der richtige Weg.
Als Analphabet wird jemand bezeichnet, der nicht lesen und schreiben kann. In Deutschland ist dies sehr selten. Viele Menschen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben, können meist Buchstaben und Wörter lesen, haben aber Probleme mit Texten. Auch weil das Wort „Analphabet“ ausgrenzend ist, sprechen wir besser von „gering literalisierten Personen“. Viele Betroffene bezeichnen sich allerdings selbst manchmal als Analphabeten, weil der Begriff bekannt ist und nicht erklärt werden muss.
„e. V.“ ist die Abkürzung für „eingetragener Verein“ und bezieht sich auf eine bestimmte Rechtsform für Vereine in Deutschland. Ein eingetragener Verein ist eine Organisation, die sich aus einer Gruppe von Menschen zusammensetzt, die gemeinsame Interessen oder Ziele haben.





