Zum Hauptinhalt springen

Erfolgsgeschichte Nicole Mühlmann„Erfolg heißt für mich nicht, alles richtig zu machen. Erfolg heißt dranzubleiben.“

Foto: Tim-Thilo Fellmer

Nicole Mühlmann

Lerner-Expertin

„Ich merke, dass ich selbstbewusster geworden bin. Nicht laut, nicht groß. Sondern ruhig und sicherer.“

  • schreibt gerne Geschichten
  • ihr Garten gibt ihr Kraft
  • liebt reisen und Motorrad fahren
  • Motto: „Trau dich!“

Ich heiße Nicole, bin Jahrgang 1974 und in der DDR geboren. Wenn ich heute auf mein Leben zurückschaue, dann ist das keine gerade Linie. Eher viele Umwege, Stopps und neue Anläufe. Lange Zeit ging es für mich nicht darum, voranzukommen, sondern irgendwie klarzukommen.

Schon in der Schule habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt, dass mir Lesen, Schreiben und Rechnen mir schwerfallen. In der DDR ging alles sehr schnell, Leistung war wichtig. Wer nicht mitkam, blieb zurück.

„Schon in der Schule habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. In der DDR ging alles sehr schnell, Leistung war wichtig. Wer nicht mitkam, blieb zurück.“

Nicole Mühlmann

Ich bin schon in der ersten Klasse sitzen geblieben. Zu Hause konnte mir niemand helfen. Wie soll man lernen zu lernen, wenn man keine Unterstützung hat? Nach der dritten Klasse wurde es noch schwieriger. Ich wäre wieder sitzen geblieben und kam schließlich auf eine Sonderschule. Fachlich war das für mich erst einmal einfacher. Menschlich war es eine schwere Zeit. Ich habe mich oft ausgeschlossen gefühlt, es gab Mobbing, und ich habe früh gelernt, mich zurückzuziehen.

Mit 14 kam ich in einen Jugendwerkhof. Dort ging es vor allem ums Arbeiten und Funktionieren. Lernen spielte kaum noch eine Rolle. Wir hatten keine Namen, nur Nummern. Ich war Nummer 16. Kleidung, Unterwäsche, alles wurde gestellt. Es gab feste Abläufe, wenig Privates und kaum Raum für Rückzug. Diese Zeit war hart – und sie gehört zu meiner Geschichte.

Foto: Tim-Thilo Fellmer
Foto: Tim-Thilo Fellmer

Mit 16 habe ich es geschafft, dort rauszukommen. Ich bin nach Berlin zu meinem heutigen Mann gegangen, den ich schon lange kannte. Er war der Mensch, der mir Halt gegeben hat, als vieles unsicher war.

Nach der Wende war vieles im Umbruch. Meine Gärtnerlehre half mir nur begrenzt weiter, weil viele Betriebe verschwanden. Ich habe in verschiedenen Maßnahmen gearbeitet: im Landschafts‑ und Wegebau, später auch im Forst.

Lesen konnte ich, aber oft habe ich Texte erst nach mehrmaligem Lesen verstanden. Schreiben ging nur mit vielen Fehlern. Dafür schämt man sich. Also habe ich jahrelang Wege gefunden, das zu umgehen. Ich habe es „ganz gut verstecken können“. Aber das kostet Kraft. Und irgendwann ist diese Kraft aufgebraucht.

2019 ging es nicht mehr. Ich wurde krank, körperlich und seelisch, und kam später in eine Tagesklinik. Dort sollten wir auch schreiben, ein kleines Buch gestalten. In dem Moment war klar: Ich kann das nicht mehr überspielen.

Das war unangenehm, aber ehrlich. Die Tagesklinik hat mich schließlich bei der Volkshochschule angemeldet. Allein wäre ich niemals auf die Idee gekommen. Ich wusste gar nicht, dass es solche Angebote gibt.

Seit 2020 besuche ich einen Lese‑ und Schreibkurs an der Volkshochschule Prenzlauer Berg. Jede Woche, dienstags, in einer festen Gruppe und mit derselben Kursleiterin. Das war für mich sehr wichtig.

Am Anfang hatte ich Angst. Angst, wieder hinten zu sitzen. Angst, dass die Gefühle aus der Schulzeit zurückkommen. Aber ich habe gemerkt: Ich bin nicht allein. Da sind andere wie ich. Und wir sind eine tolle Gruppe. Wir lernen jetzt schon seit vielen Jahren zusammen.

Seit 2020 besuche ich einen Lese‑ und Schreibkurs an der Volkshochschule Prenzlauer Berg. Jede Woche, dienstags, in einer festen Gruppe und mit derselben Kursleiterin. Das war für mich sehr wichtig.“

Nicole Mühlmann

Manchmal habe ich das Gefühl, ich lerne langsam. Ich mache Fehler. Manche Regeln verstehe ich nicht richtig. Aber ich bleibe dran. Ich habe gelernt, dass ich das kann. Ich sage mir immer: Trau dich! Und heute traue mich sogar, Fragen zu stellen. Ich traue mich zu schreiben – auch wenn es nicht perfekt ist.

Erfolg hat nichts mit Perfektion zu tun. Erfolg heißt für mich nicht, alles richtig zu machen. Erfolg heißt dranzubleiben.

Ein Erfolg ist für mich, wenn ich einen Text schreibe und nicht sofort denke: Das ist falsch.
Erfolg ist, wenn ich sagen kann: Ich brauche Hilfe – und das ist okay.

Foto: Tim-Thilo Fellmer

Ich merke, dass ich selbstbewusster geworden bin. Nicht laut, nicht groß. Sondern ruhig und sicherer.

Ich habe herausgefunden, dass ich sehr gerne schreibe, vor allem im Kurs. Es macht mir Freude, Texte von anderen zu lesen und meine eigenen Gedanken aufzuschreiben.

Was mir Kraft gibt, ist mein Garten. Ich bin gerne draußen, bei mir im Schrebergarten. Und ich fahre Fahrrad und Motorrad. Motorradfahren bedeutet für mich Freiheit: der Wind im Gesicht, unterwegs sein, die Umgebung wahrnehmen.

„Ich spreche heute offen über meine Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. Nicht, weil es leicht ist – sondern weil es leichter ist als das Verstecken.“

Nicole Mühlmann

Ich habe noch Träume. Zum Beispiel einmal die Route 66 zu fahren oder nach Japan zu reisen. Dass ich mir solche Dinge wieder vorstellen kann, ist für mich auch ein Erfolg.

Ich spreche heute offen über meine Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. Nicht, weil es leicht ist – sondern weil es leichter ist als das Verstecken.

Lesen und Schreiben nicht gut zu können hat nichts mit Faulheit zu tun. Viele tragen das ein Leben lang mit sich herum.

Traut euch. Holt euch Unterstützung.
Es wird nicht sofort einfach.
Aber es wird ehrlicher.
Und Schritt für Schritt auch freier.

Nach
oben