Vor allem durch Corona ist die Digitalisierung in der Grundbildung – generell, aber auch hier im Verein – richtig angekommen.
Maike Timmermann unterrichtet bei Lesen und Schreiben e. V. Berlin in Berlin-Neukölln. Der Träger bietet seit mehr als 40 Jahren Alphabetisierungs- und Grundbildungskurse an. Maike hat dort zwei Wochen vor dem ersten Corona-Lockdown angefangen – und beschreibt diese Zeit als einen Wendepunkt: „Vor allem durch Corona ist die Digitalisierung in der Grundbildung – generell, aber auch hier im Verein – richtig angekommen.“ Digitalisierung ist seitdem einer ihrer Schwerpunkte. Insgesamt arbeitet sie seit zehn Jahren in der Grundbildung. Schon davor hat sie Computerkurse gegeben. Während der Pandemie war sie dann viel mit Online-Unterricht beschäftigt – ein Format, das in diesem Feld „relativ neu“ gewesen sei und mehr oder weniger unvorbereitet bespielt werden musste.
Unterricht zwischen Alphabetisierung und „Digitalen Medien“
Im Moment unterrichtet sie verschiedene Gruppen von Erwachsenen, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben und daran arbeiten wollen. Einmal pro Woche steht mit jeder Gruppe im Tageskurs fest „Digitale Medien“ auf dem Plan. Dann geht es um den Umgang mit digitalen Anwendungen und Endgeräten, „vor allen Dingen den eigenen Smartphones“, um Grundlagen des Internets und zunehmend auch um künstliche Intelligenz. Gleichzeitig arbeitet Maike ganz klassisch im Alphabetisierungsunterricht (Lesen und Schreiben) mit einer Anfänger:innengruppe im Tageskurs und mit Erwerbstätigen, die im Abendkurs lernen. Zusätzlich gibt sie etwa einmal im Monat Grundbildungsunterricht zu wechselnden Themen. Zuletzt habe sie zum Beispiel über Klimawandel gesprochen und dabei auch den Stromverbrauch durch das Internet thematisiert. In diesem Bereich habe sie, wie sie sagt, „inhaltlich besonders freie Hand“.
Je stärker Inhalte an den Alltag anschließen, umso effektiver funktioniert Lernen.
Lebensweltbezug als Motor fürs Lernen
Wichtig ist ihr dabei, dass Lerner:innen eigene Themen mitbringen. In der Grundbildung sei der Lebensweltbezug zentral: Je stärker Inhalte an den Alltag anschließen, „umso effektiver funktioniert“ Lernen. Das gelinge mal mehr, mal weniger – manche Lerner:innen seien sehr kreativ und wüssten genau, was sie lernen wollen, anderen falle es schwerer zu benennen, was ihnen fehlt. Maike startet deshalb häufig mit einfachen Fragen, unabhängig vom Fach: Was beschäftigt euch gerade? Was kriegt ihr aus den Nachrichten mit? „Dann kriege ich ein Gefühl dafür, was knüpft bei ihnen an – also was finden sie momentan spannend, und was kriegt auch vielleicht niemand so richtig mit?“ Aus solchen Gesprächsanfängen ergeben sich Themen, die sie später gezielt wieder aufgreift.
Ihren Einstieg in KI beschreibt Maike über mehrere Zugänge und über sehr praktische Gründe. Ein Aha-Moment war für sie vor einigen Jahren die App Google Lens: Texte abfotografieren und vorlesen lassen, bei Bedarf auch übersetzen. Für sie war das ein Auslöser, KI wirklich im Unterricht einzusetzen und Lerner:innen als Werkzeug mitzugeben. Denn die meisten Lerner:innen haben ein Smartphone, häufig ein Android-Gerät; Google ist dann ohnehin vorhanden und Lens lässt sich leicht installieren. Besonders überrascht habe sie, dass das Tool sogar „kricklige Handschrift“ erkennen könne.
„Trial and Error“: KI trifft Kursrealität
Wie KI im Unterricht wirkt, beschreibt Maike als „Trial and Error“ – und das habe viel mit der Kursrealität zu tun. In ihren Gruppen seien die Voraussetzungen der Lerner:innen sehr unterschiedlich: In der fortgeschrittenen Gruppe gebe es eine Person ohne Smartphone, gleichzeitig eine andere, die am Computer arbeitet und Excel lernen will. Dieser Spagat mache es herausfordernd.
KI kann super hilfreich sein, aber wir müssen es immer gegenchecken.
Genau deshalb geht Maike beim Einsatz von Chatbots wie ChatGPT oder Google Gemini abgestuft vor: Längere Texte wie Bewerbungen erarbeitet sie nur mit Lerner:innen, die das Ergebnis anschließend bewerten können. „KI kann super hilfreich sein, aber wir müssen es immer gegenchecken, vor allen Dingen, wenn wir Texte produzieren“, sagt sie. Mit Lerner:innen, die ganz am Anfang stehen, probiert sie eher kleine Schritte: Handschrift abfotografieren, „Bitte korrigiere“ und dann gemeinsam prüfen, ob die Korrektur stimmt. Dabei habe sie auch erlebt, dass KI aus Handschrift manchmal „ganz komische Wörter“ herausliest und dann falsch korrigiert. Genau solche Fälle werden im Kurs besprochen.
Fehler der KI als Lernstoff
Dass Fehler passieren, macht Maike nicht zum Nebenproblem, sondern zum Thema. Sie versucht, Lerner:innen ein Grundverständnis zu vermitteln: KI sei eine Maschine, die Muster erkennt, aber nicht denkt. Dafür nutzt sie Erklärmaterial, wie etwa ein Video aus Die Sendung mit der Maus, und arbeitet mit spielerischen Übungen, bei denen sichtbar wird, wie eine KI durch viele Beispiele „lernt“ zu erkennen. Ihr Ansatz hat dabei zwei Ebenen: Hintergründe verstehen – und Fehler der KI immer wieder konkret sichtbar machen. „Hier passieren Fehler, wir sehen das jetzt schon wieder“: Solche Momente nutzt sie, um mit den Lerner:innen über Gegenprüfen und Skepsis zu sprechen. Ihr Ziel sei weniger, alle ständig auf dem neuesten Stand zu halten, sondern eine Haltung zu fördern, mit der Lerner:innen sich selbstbestimmt in digitalen Anwendungen bewegen können und einen kritischen Blick auf die Nutzung der KI entwickeln.
Für die Unterrichtspraxis nutzt Maike außerdem ein Rechtschreib-Tool wie LanguageTool. Lerner:innen schreiben auf Tablets eigene Texte, kopieren sie in das browserbasierte Werkzeug, sehen markierte Stellen mit Erklärungen und korrigieren anschließend selbst. Maike betont: In der Grundbildung müsse man das begleiten. Ziel sei es aber, dass Lerner:innen solche Hilfen irgendwann selbständig nutzen können, „vor allen Dingen … auch außerhalb der Unterrichtsräume“. Sie findet das unter anderem deshalb hilfreich, weil alle mit ihren eigenen Texten arbeiten: Es wird nichts erfunden, sondern an dem geübt, was ohnehin geschrieben werden soll.
Was KI bei Lerner:innen auslöst
Was sich durch KI für Lerner:innen verändert, beantwortet Maike vorsichtig – die Gruppen seien zu unterschiedlich, um für alle zu sprechen. Sie beobachtet aber deutlich mehr Neugier: Immer mehr Lerner:innen sagen „Ich habe mir das auch runtergeladen“ oder „Kannst du mir das runterladen?“ Eine Lerner:innen habe im Urlaub häufig Übersetzungen genutzt. Außerdem werde KI genutzt, um Begriffe zu klären: „Hey, ich verstehe dieses Wort nicht. Was ist das eigentlich? Erklär mir das mal kurz.“ Und Maike nennt noch einen Aspekt, der ihr wichtig ist: KI reagiere immer freundlich und motivierend. Für Menschen, die Abwertung erlebt haben, könne es ermutigend sein, einen „Ort“ zu haben, an dem sie ohne Hemmungen Fragen stellen können. In einem Beispiel erzählt sie von einer jungen Lerner:innen, die ChatGPT sehr stark als Begleiterin genutzt habe – auch gegen Einsamkeit. Maike beschreibt das als etwas, das man im Unterricht rund um KI mitdenken und gemeinsam reflektieren müsse: Wie viel Privates erzählt man? Worauf kann man sich verlassen? Wo liegen Grenzen?
Auf die Frage, ob man dann überhaupt noch lesen und schreiben lernen müsse, unterscheidet Maike zwei Ebenen. Erstens: Um KI wirklich zu nutzen, bleibe man mit Lesen und Schreiben konfrontiert – auch wenn man einsprechen kann. Zweitens: Die Menschen in den Kursen seien grundsätzlich sehr motiviert, Lesen und Schreiben zu lernen, aber viele würden es am Ende nicht vollständig beherrschen. Dann könne es helfen, zum Beispiel beim Schreiben einer E-Mail ein Werkzeug an der Hand zu haben, das beim Formulieren unterstützt. KI könne „ungemein hilfreich“ sein, weil damit die ein oder andere Aufgabe erledigt werden kann, „die die Gesellschaft … fordert“.
Einfach anfangen und ausprobieren – jeder Versuch kann gemeinsam reflektiert werden.
Für dieses Jahr plant Maike Arbeit an Fake News und Deepfakes – vor allem das Gegenprüfen von Texten, etwa von Bildunterschriften in sozialen Medien. Sie will außerdem Selbstkorrektur weiter üben und mit „GPTs“ für individualisierte Übungen experimentieren, zum Beispiel für Lese- oder Schreibtraining. Sie erwähnt dabei auch eine praktische Grenze: Für manche Funktionen brauche man eine Bezahlversion, die im Kurskontext und auch privat nicht einfach verfügbar ist. Grundsätzlich fasst sie ihr Ziel so zusammen: Lerner:innen sollen „möglichst selbständig und selbstbestimmt“ sein, KI nutzen können und dabei „einen kritischen Blick nicht verlieren“. Und sie betont, dass KI nicht nur in ihrem Unterrichtsfach „Digitale Medien“ eine Rolle spielen sollte. Sie kann auch in andere Bereiche einfließen – im Austausch mit Kolleg:innen und vor allem dort, wo sie im Alltag der Lerner:innen ganz konkret hilft: beim Korrigieren, Formulieren oder beim Finden einer Idee.
Anderen Dozierenden rät sie deshalb vor allem eines: einfach anfangen und ausprobieren – jeder Versuch könne gemeinsam reflektiert werden.
„Trial and Error“ heißt: Ausprobieren und aus Fehlern lernen.
GPTs sind eigene, angepasste Versionen von ChatGPT. Sie sind für eine bestimmte Aufgabe gemacht, zum Beispiel „Texte prüfen“ oder „Ideen sammeln“. Ein GPT folgt festen Anweisungen und kann auch extra Wissen bekommen.
ChatGPT ist ein KI-Chatprogramm von OpenAI. Du kannst ihm Fragen stellen oder dir beim Schreiben und Verstehen von Texten helfen lassen. ChatGPT kann sich irren – wichtige Infos deshalb immer prüfen.
Künstliche Intelligenz (KI)
KI sind Computerprogramme, die aus vielen Daten lernen. Sie können zum Beispiel Texte schreiben oder Bilder erkennen. KI kann helfen – aber sie macht auch Fehler.
Es bedeutet, dass wir mehr Technik nutzen.
Zum Beispiel Computer und das Internet.
Wir nutzen diese Technik in vielen Bereichen.
In der Wirtschaft.
In der Verwaltung.
Und in unserem täglichen Leben.
Technische Akademie für berufliche Bildung Schwäbisch Gmünd e.V.
Die TA organisiert Fort- und Weiterbildungskurse vor allem im gewerblich-technischen und kaufmännischen Bereich.
„e. V.“ ist die Abkürzung für „eingetragener Verein“ und bezieht sich auf eine bestimmte Rechtsform für Vereine in Deutschland. Ein eingetragener Verein ist eine Organisation, die sich aus einer Gruppe von Menschen zusammensetzt, die gemeinsame Interessen oder Ziele haben.
