Infobrief 19

Liebe Leserinnen und Leser,

die Grundbildung hat viele Stimmen. In diesem neuen Infobrief haben wir einige versammelt: So zum Beispiel die von Lernenden, die in ihren Beiträgen über ihre Erfahrungen sprechen, von ihrem Mut und ihrem „Geißeltierchen“. Die Stimme aus der Forschung finden Sie in dem Beitrag zur LEO-Grundbildungsstudie. Eine engagierte Stimme kommt aus der Landeszentrale für Politische Bildung und berichtet über ihren Alpha-Siegel-Prozess. Auch zwei neue Koordinatorinnen aus den Alpha-Bündnissen in Neukölln und Marzahn-Hellersdorf melden sich zu Wort. Und, last but not least, erfahren wir, dass sich eine neue, starke Stimme gebildet hat: die des Alpha-Selbsthilfe Dachverbands.

Alle diese Stimmen vereint der Mut, etwas anzustoßen, etwas zu bewegen, sich mit der derzeitigen Situation nicht zufrieden zu geben. Dafür steht der Weltalphabetisierungstag, der in diesem Jahr wieder am 8. September stattfindet. Der Tag, an dem sich alle vielleicht ein bisschen mehr trauen, gegen die Tabuisierung des Themas laut zu werden!

Herzliche Grüße und viel Spaß beim Lesen!

Ihr GBZ-Team

Bild: Key

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Das sind die Themen des aktuellen Infobriefes:

• Mut, was bedeutet das?
   Ein Gastbeitrag von Lerner-Expertin Tina F.

• LEO 2018 
   Neue Begriffe, neue Zahlen
   Ein Gastbeitrag von Werena Sonneveld

• Politisch mitgestalten mit allen
   Der Siegelprozess der Berliner Landeszentrale für politische Bildung
   Ein Gastbeitrag der LZPB

• Barrierefreiheit ist Changemanagement
   Organisationen im Alpha-Siegel-Prozess

• Nachwuchs in der Neuköllner Alpha-Welt
   Ein Gastbeitrag von Cornelia Kirsten

• "Individualität, Empathie und motivierende Arbeit“
   Neue Koordinatorin des Alpha-Bündnisses Marzahn-Hellersdorf       
   Ein Gastbeitrag von Ena Huremovic

• Eine Einladung zur Mitwirkung
   Ein Gastbeitrag der Alfa-Selbsthilfe

• Brief an Frieda
   Ein Gastbeitrag von Lerner-Expertin Key

• Verlosung

Wenn Sie mehr über eines der hier vorgestellten Themen wissen wollen oder Ideen für andere Themen haben, über die Sie gerne im Infobrief lesen würden, schreiben Sie uns gerne!

Termine und Ankündigungen

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Mut, was bedeutet das?
Ein Gastbeitrag von Lerner-Expertin Tina F

Es gibt die Mutprobe, wenn man in einer Klicke dazugehören möchte. Mütter sagen zu ihren Kindern, sei mutig bei der Blutabnahme, es tut nicht weh. Es gibt Menschen, die anderen Menschen helfen, wenn sie von pöbelnden Jugendlichen angegriffen werden, und das nennt man auch sehr mutig. Aber wie sieht es mit dem Mut aus, als Erwachsener lesen und schreiben zu lernen? Man versucht durch andere Menschen durch das Leben zu kommen. Manchmal geht es gut und manchmal auch voll daneben. Wenn man an sich selber glaubt und die Hoffnung nicht aufgibt und dann noch den ersten Schritt über die Schwelle macht, das nennt man auch Mut. Der Mut zum Verein „Lesen und Schreiben e.V.“ zu gehen, um dieses im Erwachsenenalter zu lernen, das bedeutet, du hast großen Mut bewiesen. Dein Selbstbewusstsein wird gestärkt und du läufst mit offenen Augen durchs Leben. Denn du hast jetzt den Mut vieles zu schaffen.

Seien Sie mutig und seien Sie beim Weltalphabetisierungstag mit dabei! In der Zeit um den 8. September 2019 herum finden in Berlin viele Aktionen und Veranstaltungen statt. Eine Übersicht finden Sie wie jedes Jahr auf unserer Website. Planen Sie eine Veranstaltung, die noch nicht auf unserer Übersicht ist? Hier können Sie sich anmelden.

Bild: GBZ

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Leo 2018
Neue Begriffe, neue Zahlen

Ein Gastbeitrag von Werena Sonneveld

Vor knapp neun Jahren hat eine Hamburger Studie namens „LEO - Level One“ (LEO 2010) die Bildungswelt aufgerüttelt. Die Studie untersuchte die Lesekompetenzen deutschsprechender Erwachsener und kam zu dem Ergebnis, dass in Deutschland 7,5 Mio. Erwachsene leben, die zwar einzelne Buchstaben, Wörter oder Sätze lesen können, aber keine zusammenhängenden Texte (Alpha- Level 1-3). Weitere mehr als 13 Mio. Menschen schreiben fehlerhaft, vergleichbar mit einem Kind am Ende der Grundschulzeit (Alpha- Level 4). Im Mai 2019 wurde die Nachfolgestudie „LEO - Leben mit geringer Literalität“ (LEO 2018) veröffentlicht.

Neue Begriffe

Beide Studien untersuchten die Lese- und Schreibfähigkeiten auf den unteren Kompetenzstufen, den sogenannten Alpha-Levels. In der Studie von 2010 sprach man bei Menschen, die zwar einzelne Buchstaben, Wörter oder Sätze lesen können, nicht jedoch kurze Texte, von „Funktionalen Analphabeten“. Die neue Studie ersetzt den Begriff des „funktionalen Analphabetismus“ nun durch die Begriffe „geringe Literalität“ bzw. „gering literalisierte Erwachsene“. Der Hintergrund hierzu ist, dass der Begriff des funktionalen Analphabetismus mitunter als stigmatisierend und abwertend wahrgenommen wird (Leo 2018 S. 4f.).

Neue Zahlen

Nicht nur die Begriffe, sondern auch die Zahlen der Betroffenen haben sich in der neuen Studie verändert. Waren es 2010 noch hochgerechnet 7,5 Mio Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten, so geht man 2018 nur noch von 6,2 Mio Menschen mit geringer Literalität aus. Und konnte 2010 jeder vierte nur fehlerhaft schreiben ist es jetzt nur noch jeder fünfte. Ein voller Erfolg für die Grundbildungs- und Alphabetisierungsarbeit also, könnte man meinen – das stimmt aber nur zum Teil. Denn zum einen ist die Bevölkerungsstruktur heute eine andere als bei der ersten LEO-Studie – viele derer, die in der ersten Studie als funktionale Analphabeten eingestuft wurden, werden in der neuen Studie aus Altersgründen nicht mehr erfasst. Zum anderen ist mit 6,2 Mio. Erwachsenen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, immer noch jeder achte betroffen. Und das bedeutet, dass das Thema weiter und mehr in der Öffentlichkeit präsent sein muss, damit noch mehr Betroffene den Mut finden und die Möglichkeiten bekommen, Lesen und Schreiben zu lernen – und damit den Weg in eine selbstbestimmtere Zukunft zu finden.

Bild: GBZ, Motiv: LEO-Presseheft

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Politisch mitgestalten mit allen
Der Siegelprozess der Berliner Landeszentrale für politische Bildung
Ein Gastbeitrag der LZPB

Seit über 60 Jahren gibt es die Angebote der Berliner Landeszentrale für politische Bildung zur Demokratieförderung, zur politischen Teilhabe und zur politischen Bildung. Unser Motto ist „verstehen | beteiligen | verändern“:  Wer sich schriftlich informieren kann, erhält einfacher Informationen über politische Zusammenhänge. Es ist so leichter, Möglichkeiten zu erfahren, wie man mitgestalten kann.

Wir möchten  alle Berlinerinnen und Berliner dazu ermuntern, ihre Interessen aktiv in demokratische Entscheidungsprozesse einzubringen.  Ausgehend von einem menschenrechtlichen Verständnis von inklusiver politischer Bildung haben wir uns gefragt: Wie können die Menschen besser angesprochen werden und sich beteiligen, die aufgrund von Lese-/ Schriftsprachproblemen und kognitiven Schwierigkeiten bisher von Angeboten der politischen Bildung ausgeschlossen sind?

Um zu vermeiden, dass diese Menschen auch durch uns eine Behinderung erfahren, hatten wir beschlossen, uns für das Alpha-Siegel zu bewerben. Dabei haben wir zunächst unsere eigenen Haltungen und unsere Arbeit kritisch hinterfragt. Eine große Hilfe war dabei, dass unser Team an einer Sensibilisierungsschulung des Grund-Bildungs-Zentrums Berlin zum Umgang mit Menschen mit Lese- und Schriftsprachproblemen teilgenommen hat und auch mit  Betroffenen selbst sprechen konnte.

Zudem haben wir für unser Besuchszentrum Publikationen in einfacher und Leichter Sprache angeschafft und selbst entwickelt. Diese erkennt man nun schnell an dem gelben Aufkleber »KLAR & DEUTLICH«.

Auch unsere Info-Flyer und unsere Internetseite sind in Leichte Sprache übersetzt worden. Damit wurden weitere Sprachbarrieren verringert.

Ein Schwerpunkt im Alpha-Siegel-Prozess lag in der im Herbst 2018 begonnenen, neuen Veranstaltungsreihe »Politik einfach erklärt« zu verschiedenen Themen (Demokratie, Geschichte Berlins, Bundesteilhabegesetz etc.) in Kooperation mit ERW IN/ Lebenshilfe Bildung. Jede Seminargruppe umfasst max. 15 Teilnehmende. In einer wertschätzenden Atmosphäre besteht die Möglichkeit, individuell auf das Lerntempo und auf  Verständnisfragen einzugehen. Da die Veranstaltungsreihe sehr positiv aufgenommen wurde, führen wir sie auch in diesem Jahr fort.

Damit sich Besucherinnen und Besucher mit geringer Literalität bei uns zurechtfinden, haben wir die Beschilderung und das Wegeleitsystem in unserem Gebäude verbessert. Hierbei hat uns der Austausch und die Beratung mit Betroffenen sehr geholfen.

Es ist uns wichtig, in der Öffentlichkeit zu einem besseren Verständnis für Menschen mit geringer Literalität beizutragen. Daher bieten wir zusammen mit der Paritätischen Akademie regelmäßig Fortbildungen zur politischen Grundbildung an. Das Angebot knüpft an unsere 2017 veröffentlichte Broschüre »Politische Bildung in der Grundbildung« an.

Inzwischen hängt das Alpha-Siegel deutlich sichtbar an unserer Eingangstür.

Wir bedanken uns herzlich beim GBZ für die hilfreiche und engagierte Unterstützung und Begleitung während des gesamten Alpha-Siegel-Prozesses!

Bild: LZPB

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Barrierefreiheit ist Changemanagement
Sieben Tipps für Organisationen im Alpha-Siegel-Prozess

Das Alpha-Siegel setzt Hürden für Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten herab. Es ist wie eine Rollstuhlrampe (Dank an Herrn Dr. Raiser von der Senatsverwaltung für Bildung für diesen anschaulichen Vergleich.) Es macht Angebote von Organisationen für Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten leichter zugänglich. So weit, so gut. Aber: Wer schraubt die Rampe fest? Wer hält sie in Stand? Natürlich sind das Wegeleitsystem und die Außenkommunikation in der Zugänglichkeit von Beratungs- oder Lernangeboten für gering literalisierte Menschen sehr wichtig. Eine besondere Rolle spielt jedoch das Umdenken der Mitarbeitenden. Diese sind für besagte Kommunikation verantwortlich und ihr Handeln kann man nicht einfach umstellen wie eine Website. Sie sind der Strom und die Mechanik der Rampe, ohne sie läuft nichts. Wie kann ich als Siegel-Verantwortliche/r also sicherstellen, dass neue Handlungsgebote nicht nur akzeptiert, sondern auch aktiv gelebt werden? Hier sind ein paar Ideen, wie Sie den Kampf gegen veraltete Muster gewinnen können.

Benennen Sie ein gemeinsames Problem

Jede Veränderung braucht die Tatkraft und Zusammenarbeit aller Beteiligten um ein gemeinsames Zukunftsbild zu schaffen. Nennen Sie Probleme dafür beim Namen. Machen Sie sich und Ihren Mitarbeitenden die Situation von gering literalisierten Menschen sowie deren Schwierigkeiten, Ihre Angebote in Anspruch zu nehmen, bewusst. Lassen Sie die Mitarbeitenden externes Feedback direkt miterleben: Was sagen unzufriedene Kunden über die Organisation? Was sagt das über Ihre Dienstleistung? Transparenz bezüglich offensichtlicher Hürden in der Zugänglichkeit und deren Konsequenzen für die Organisation kann Dringlichkeit am besten kommunizieren.

Bilden Sie eine Steuerungsgruppe

Es bedarf einer Gruppe von Umsetzungs-Verantwortlichen, die ggf. Entscheidungen treffen kann. Sie darf während der Arbeit nicht innerhalb der Organisationsstrukturen an die sprichwörtliche Käseglocke stoßen. Eine Faustregel für die Zusammenstellung einer Steuerungsgruppe ist: Sie braucht Macht, Betroffenheit, Motivation und Kompetenz. Die Leitung dieser Gruppe sollte mit ausreichend Handlungsbefugnis ausgestattet sein und das Team sollte innerhalb der Organisation positives Ansehen genießen.

Entwickeln Sie eine griffige Vision

Autoritäre Machtausübung funktioniert bei Veränderungsprozessen schlecht. Stattdessen muss eine Richtung aufgewiesen werden, in die alle gemeinsam gehen wollen. Veränderungen fordern Opfer von den Beteiligten, denn den Status Quo loszulassen verunsichert. Eine griffige Vision zeigt Verbesserungen für alle Beteiligten auf, ist realistisch und einfach zu kommunizieren. Nur ein elegant kommuniziertes Bild, das auf Fakten basiert und auf emotionaler Ebene mitreißt, setzt sich durch. Finden Sie Antworten auf die Fragen: Wer sind wir? Was ist uns beim Erreichen von Betroffenen wichtig? Wie wollen wir das schaffen?

Ihr Veränderungsvorhaben steht in Konkurrenz mit vielen anderen Informationen. Nutzen Sie deshalb nicht nur Rund-Mails, sondern bauen Sie Ihre Vision so oft es geht z.B. auch in Argumentationsleitfäden ein. Holen Sie sich regelmäßig Feedback und passen Sie die Vision daran an.

„Empowern" Sie Mitarbeitende

Mitarbeitende, die sich machtlos fühlen, setzen sich nicht ein. Können die Siegel-Verantwortlichen in Ihren Organisationsstrukturen team-übergreifend arbeiten? Falls nicht, wie kann dies geändert werden? Um die Kenntnisse der Mitarbeitenden zum Thema Grundbildung zu erweitern, können sie in Siegel-Workshops & Sensibilisierungsschulungen gehen. Die Botschaft sollte hierbei sein: Du bist wichtig für diesen Prozess und sollst möglichst gut darauf vorbereitet sein.

Feiern Sie Erfolge

Menschen brauchen Beweise, dass sich ihre Bemühungen lohnen. Definieren sie, was Erfolge in diesem Prozess für Ihre Organisation bedeuten und feiern Sie Ihre Kolleg*innen und Mitarbeitenden dafür. 

Rechnen Sie mit Widerstand

Aus systemischer Sicht wird der Status Quo von vielen verschiedenen Kräften im Gleichgewicht gehalten. Veränderungen in einem Bereich verursachen oft eine Kettenreaktion an Veränderungen, die sich in andere Bereiche ziehen und dort Widerstände erzeugen können. Planen Sie diese von Anfang an mit ein.

„Culture eats strategie for breakfast“

Zu guter Letzt müssen sich die neuen Denkweisen in der Kultur verankern. Fragen Sie sich, ob die neu gewonnene Sprachsensibilität und Empathie für die Zielgruppe in Ihre Kultur passt und beerdigen Sie dann ggf. alte Muster die den neuen im Weg stehen. Die Einführung echter Hürdenfreiheit für geringliteralisierte Menschen ist ein langer Prozess, der über eine bloße Zertifizierung hinausgeht. Sie braucht stetige Reflexion, um sich durchzusetzen.

Buch-Tipp: "Leading Change: Wie Sie Ihr Unternehmen in acht Schritten erfolgreich verändern" von John P. Kotter erschienen bei Vahlen 2011

Hierbei steht Ihnen das GBZ-Team beratend zur Seite.

Ihre Ansprechpartnerin: Katharina Rosin

Bild: GBZ

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Nachwuchs in der Neuköllner Alpha-Welt

Ein Gastbeitrag von Cornelia Kirsten

Juhu, es gibt Nachwuchs in der Neuköllner Alpha-Welt – und das gleich zweimal! Na wenn das keine erfreulichen Nachrichten sind…

Nach 3 Jahren unermüdlichen Engagements für das Alpha-Bündnis Neukölln und die Themen Alphabetisierung und Grundbildung nimmt sich Ida Wehinger, die Koordinatorin des Alpha-Bündnisses Neukölln, eine Bündnis-Auszeit und widmet sich aus freudigem Anlass für eine Weile intensiver dem Familienleben.

Dieser Umstand sorgte wiederum für Nachwuchs beim ältesten Alpha-Bündnis der Stadt selbst, denn seit Juni widme ich, Cornelia Kirsten, mich elternzeitvertretend der Bündniskoordination.

Während, aber auch nach dem Studium der Rehabilitationswissenschaften unterstützte und begleitete ich viele Jahre in sonderpädagogischen Lehrgängen des Zweiten Bildungsweges (ZBW) Jugendliche und junge Erwachsene mit verschiedenen psychosozialen Problemlagen auf ihrem Weg zum Schulabschluss. Ich beschloss irgendwann, den Blickwinkel innerhalb der Berliner Bildungslandschaft zu ändern und berate seit letztem Jahr zu Bildung und Beruf Ratsuchende im LernLaden Neukölln, einem Projekt der GesBiT mbH.

Ich habe während meiner Arbeit im Schulbetrieb immer wieder festgestellt, wie schwer die berufliche Orientierung ist – egal wie alt man ist und welchen Bildungshintergrund jemand hat. Es fällt schwer, sich im Dschungel der Möglichkeiten zurechtzufinden oder diese überhaupt zu (er)kennen. Beim allgegenwärtigen Leistungsdruck finde ich es andererseits genauso wichtig, dass jede*r einen Bildungsweg, einen Beruf findet, bei dem man sich wohl und wertgeschätzt fühlt und vor allem auch gesund bleibt. In der Bildungsberatung sehe ich eine Möglichkeit genau dort anzusetzen, die Berliner Bildungslandschaft etwas transparenter und damit im Wortsinn zugänglicher zu machen und gemeinsam mit den Ratsuchenden ihren individuellen Bildungs- oder Berufsweg zu finden.

In der Arbeit im Alpha-Bündnis Neukölln richten wir den Blick auf Menschen, denen der Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe und Bildung auf Grund von Schwierigkeiten mit der Schriftsprache an vielen Stellen zusätzlich erschwert ist. Es geht darum, bezüglich des Themenfelds der Alphabetisierung und Grundbildung aufzuklären und zu sensibilisieren, geringe Literalität zu enttabuisieren und die betreffenden Personen durch achtsame Ansprache und passende Bildungsangebote in die gesellschaftliche Mitte zu rücken.

Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit den Bündnis- und Netzwerkpartnern und bin froh, von und mit ihnen lernen und selbst einen Beitrag zu ihrem langjährigen Einsatz in diesem Bereich zu leisten zu können.

Bild: Cornelia Kirsten

„Individualität, Empathie und motivierende Arbeit“
Neue Koordinatorin des Alpha-Bündnisses Marzahn-Hellersdorf
Ein Gastbeitrag von Ena Huremovic

Als Projektkoordinatorin habe ich durch verschiedene Projekte im Aus- und Weiterbildungsbereich Menschen mit unterschiedlichsten Problemlagen getroffen und in neue Arbeits- und/oder Bildungswege begleitet. Dabei stellte die Arbeit mit gering literalisierten Menschen insbesondere eine Herausforderung dar, da im erwachsenen Alter nicht richtig lesen und schreiben zu können, weiterhin ein Tabu ist und Betroffene eher selten offen damit umgehen. In heutigen Zeiten des raschen technischen Fortschritts und damit verbundenen wechselnden Arbeitsanforderungen und –bedingungen ist es nicht nur für den einzelnen Betroffenen, sondern für uns alle als Gesellschaft sehr wichtig, offen und lösungsorientiert an dieses Thema heranzutreten. Der Erfolg misst sich sowohl an der gesellschaftlichen Teilhabe jedes einzelnen Individuums als auch an dem herausfordernden heutigen Arbeitsmarkt.

Deshalb freue ich mich sehr, an direkter Schnittstelle seit Juni 2019 im Rahmen meiner Tätigkeit als Projektkoordinatorin des Alpha-Bündnisses Marzahn-Hellersdorf dazu einen eigenen Beitrag zu leisten. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Kooperationspartnern/innen arbeiten wir im Alpha-Bündnis gemeinsam daran:

1. Das Thema Analphabetismus zu enttabuisieren

2. Raum für eine offene Diskussion und konstruktiven Austausch auf mehreren Ebenen zu ermöglichen

3. Unterstützungsangebote im Bezirk zu schaffen

Nicht zuletzt sehe ich meine Aufgabe darin, Angebote, Fragen, Veranstaltungen für Betroffene und Kooperationspartner/innen zu sammeln und zu koordinieren, um so möglichst viele Betroffene genau da abzuholen, wo sie in ihrem Leben stehen.

Denn, um das Alpha-Bündnis produktiv und erfolgreich zu gestalten, sind vor allem Individualität, Empathie und motivierende Arbeit drei Schlüsselfaktoren. Wir bauen auf die bisherige Arbeit des Alpha-Bündnisses in Marzahn-Hellersdorf auf und versuchen durch verschiedene Angebote Betroffene und Interessierte zu informieren, zu unterstützen und zu vernetzen. Neben öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen, die wir jährlich mit unterschiedlichen Partnern (zuletzt am 15.08.2019 mit dem ALFA-Mobil-Team) organisieren, haben wir momentan den Schwerpunkt unserer Arbeit auf zwei Aspekte gelegt: Zum einen auf den Aufbau unserer Homepage, die unter dem folgenden Link bereits abrufbar ist: http://alphabuendnis-marzahn-hellersdorf.de/. Und zum anderen nutzen wir den Weltalphabetisierungstag zum Auftakt unseres Alpha-Cafés. Das Alpha-Café findet erstmalig am 12.09.2019 und dann jeden 2. Donnerstag im Monat zwischen 16:00 und 18:00 Uhr im Café grips (Alt-Marzahn 69 A, 12685 Berlin) statt. Damit möchten wir die o.g. Ziele zur Informationsweitergabe, Erfahrungs- und Wissensaustausch sowie Unterstützungsangeboten in verschiedenen Veranstaltungsformaten realisieren. Jeden Monat werden neue Themen gewählt und sowohl von den einzelnen Bündnispartnern/innen als auch von externen Gästen vorbereitet. Zum Alpha-Café sind alle herzlich eingeladen, die als Betroffene, Freunde, Bekannte oder Verwandte von Betroffenen sowie andere Interessierte zum Thema funktionaler Analphabetismus Informationen, Unterstützung und Vernetzung suchen oder bieten. Wir hoffen damit, ein weiteres wichtiges Zeichen für eine erfolgreiche Bündnisarbeit in Marzahn-Hellersdorf zu setzen und daraus Ideen für neue Fragen, Ziele und Projekte für die Zukunft schöpfen zu können.

Ena Huremovic
Projektkoordinatorin Alpha-Bündnis Marzahn-Hellersdorf
ABU gGmbH
Beilsteiner Str. 18
12681 Berlin
030/ 549 960 175
alpha@abu-ggmbh.de

http://alphabuendnis-marzahn-hellersdorf.de/

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Eine Einladung zum Mitwirken

Ein Gastbeitrag der Alfa-Selbsthilfe                         

Wir gehör(t)en zu den über 6 Millionen Menschen in Deutschland, die in der Schule nicht richtig lesen und schreiben gelernt haben (Leo-Studie 2018). Seit Jahren klären wir auf, über Ursachen und Folgen der Lese- und Schreibschwäche und über Möglichkeiten und Erfolge der zweiten Chance. Wir haben das lokal, regional, bundes- und europaweit getan. Wir haben Multiplikatoren und Entscheidungsträger ermutigt, uns etwas zuzutrauen und sich für uns einzusetzen. In zahlreichen Projekten haben wir als Lerner-Experten mitgewirkt. Betroffene haben wir bei Problemen im Alltag und auf ihrem Weg in die Lernangebote unterstützt.

Vor allem aber haben wir Betroffene ermutigt zu wachsen und sich zu engagieren. Es haben sich Selbsthilfegruppen gegründet, die ihre Sache selbst in die Hand nehmen. Um sie zu unterstützen und das selbstbestimmte und eigenverantwortliche Arbeiten zu fördern und zu sichern, haben wir uns entschlossen den Alfa-Selbsthilfe Dachverband zu gründen.

Die Ziele unserer Lerner-Vertretung sind die Unterstützung der Selbsthilfegruppen durch ein professionelles Büro (Gelder einwerben und verwalten, Projekte beantragen, etc.) und Stärkung der Selbsthilfegruppen durch Fortbildungen und Vernetzung (Lerner-Tagungen).

Mit Öffentlichkeitsarbeit und Lobbyarbeit bei Politik, Wirtschaft und Medien auf Augenhöhe, wollen wir unser wichtigstes Ziel erreichen: die Reduzierung der Zahl der funktionalen Analphabeten.

Unterstützen Sie uns

• mit einer Spende

• als Mitglied

• mit ihrem Netzwerk

• mit ihrem Knowhow

Wir laden alle Selbsthilfegruppen, Lernerinnen und Lerner ein mitzuwirken beim Aufbau unseres Dachverbandes.

Die nächsten Schritte sind: Vereinsgründung, die Teilnahme an der Buchmesse Frankfurt und eine Lerner-Tagung.

Alfa-Selbsthilfe (Dachverband im Aufbau)                                                 

über

SALuMa e.V.   (Selbsthilfe Analphabeten Ludwigshafen-Mannheim)
Dessauer Straße 49
67063 Ludwigshafen
E-Mail: alfa-selbsthilfe@web.de       
Tel: 0173  31 32 150

Spendenkonto:  DE 88 5455 0010 0193 577 442   bei der Sparkasse Vorderpfalz

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Brief an Frieda

Ein Gastbeitrag von Lerner-Expertin Key

Es hat lange gedauert bis ich den Brief an meine Freundin fertig geschrieben habe. Nun falte ich das Blatt und stecke es in den schönen weißen Briefumschlag. Mein Geißeltierchen fragt mich, ob ich den Brief heute zur Post bringe. „ja, sage ich.“ Ganz in meinen Gedanken versunken schreibe ich Vorname und Name meine Freundin sorgfältig auf den Umschlag.

Den Straßennamen und den Ort schreibe ich in ordentlich geschriebenen Druckbuchstaben darunter.

Das Geißeltierchen plappert los: „Det sieht ulkig aus. Siehste ma wieda wat de allet nicht weeßt.“ „Hey, Geißi hör bitte auf mich daran zu erinnern an das was ich noch nicht weiß.“ „O.K. schnattert das Geißeltierchen“ Nun klebe ich noch eine schöne Briefmarke auf das Briefkuvert und mache mich auf den Weg zur Post. In der Postfiliale warten viele Leute bis sie an der Reihe sind. Darüber ärgern sich die Menschen und schimpfen

Nach einer guten Stunde reiner Wartezeit ruft die Postmitarbeiterin: „Der Nächste!“ „Los mach schon hinne, setz da in Trapp“, feuert mich Geißi an.

Am Postschalter angekommen. Dort lege ich meinen in Schönschrift geschriebenen Umschlag auf den Tisch.

Die Postmitarbeiterin legt den Brief auf die Waage und sagt, dass das Porto für den Brief nicht richtig ist. Gut denke ich.

„Haben Sie den Brief mit der schönen Schrift geschrieben?“ „Ja, meine ich ein wenig Stolz.

„Den Vornamen und Nachnamen können nur die älteren Briefzusteller lesen. Die jungen können meist nur die Druckbuchstaben lesen, weil die Lehrer die alte lateinische Schrift kaum noch schreiben.“ „Ach, so.“ „Siehste, so is det mit de Computerschrift und det Handyjeschreibsel, nu kann det sein det dein Brief janicht ankommt,“ plappert das Geißeltierche nin mein Ohr. „Gut sagt die Postfrau, ich gebe den Brief zur Beförderung.“ Im ungünstigsten Fall wird der Brief an Sie zurückbefördert. Ihre Absenderadresse haben Sie gut leserlich in Druckbuchstaben geschrieben.“ „Ab heute werde ich Briefadressen nur noch in Druckbuchstaben schreiben.“ „Ja, meint die Postmitarbeiterin, dann kommt die Post sicher an. „Danke und Auf Wiedersehen sage ich.“ Nachdenklich mache ich mich auf den Heimweg. Drei Tage später lag ein Brief von meiner Freundin im Briefkasten, sie hat sich über meinen Brief sehr gefreut das hat sie mir geschrieben.

„Siehste, brabbelt das Geißeltierchen dein Brief in anjekommen ooch ohne ville Theata, denn det zeicht sich wieda ma det Bildung det Sternchen inne Suppe is“. „Du hast Recht mein liebes Geißeltier, die Erfahrung die ich heute wieder gemacht habe spornt mich an noch mehr zu lernen.  So sei es in Gottes Namen. Amen

Es grüßt Euch/euch herzlich

Icke Key + ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen.

*Der Text wurde auf Wunsch der Autorin in der eingereichten Form belassen.

Bild: Key

Verlosung

Der Weltalphabetisierungstag wurde 1965 von der UNESCO ins Leben gerufen und findet seitdem jährlich  am 8. September statt. Er soll an die weltweit riesige Zahl der Erwachsenen, die nicht richtig lesen und schreiben können erinnern.

An welchem Tag wird der Weltalphabetisierungstag in diesem Jahr in Berlin begangen?

a) Dieses Jahr findet der Weltalphabetisierungstag ausnahmsweise am 9. September statt, weil der 8. September ein Sonntag ist.

b) Der Weltalphabetisierungstag muss in diesem Jahr wegen Schlechtwetter leider entfallen.

c) Wie immer am 8. September. Was für ´ne Frage!? Und die Woche vorher ist in Berlin auch schon so einiges los!

d) 2016 wurde die „Nationalen Dekade für Alphabetisierung und  Grundbildung“ (AlphaDekade) ausgerufen. Da ist 10 Jahre lang jeden Tag Weltalphabetisierungstag!

Wer teilnehmen möchte, schickt eine E-Mail mit der richtigen Antwort und dem Betreff "Schlechtwetter?" an info@grundbildung-berlin.de. Unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir ein Set aus drei Probeexemplaren von Büchern in Leichter Sprache aus dem "Spaß am Lesen Verlag".

Bild: GBZ

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Termine und Ankündigungen

 

Im GBZ

• Kostenfreie Sensibilisierungsschulungen

Donnerstag, 19.09.2019, 13:00-16:30 Uhr – ausgebucht

Zusatztermin Oktober, Termin noch offen

Donnerstag, 24.10.2019, 09:30-13:00 Uhr – ausgebucht

 Mittwoch, 27.11.2019, 13:00-16:30 Uhr  - ausgebucht

https://grundbildung-berlin.de/schulungen/

• Komm-Café

Mittwoch, den 28.08.2019 von 15:30-17:00 Uhr

Mittwoch, den 25.09.2019 von 15:30-17:00 Uhr

Mittwoch, den 23.10.2019 von 15:30-17:00 Uhr

Weitere Termine siehe: http://grundbildung-berlin.de/komm-cafe

• Alpha-Siegel, Infotermine und Workshops finden Sie hier:

https://grundbildung-berlin.de/termine/

Weitere Termine auf unserer Webseite unter Aktuelles. Wir freuen uns auch über einen Besuch auf unserer Facebook-Seite!

Bis zum nächsten Mal!

Ihr GBZ-Team

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