
Bianca Limbach
Lerner-Expertin
„Erfolg bedeutet für mich nicht „Haus, Auto, Konto“, sondern das zu erreichen, was ich mir vornehme – in kleinen, machbaren Schritten.“
- bewegen die Themen Nachhaltigkeit und gerechtes Zusammenleben
- interessiert sich für Mode, mag Musik und organisiert gerne
- Sie entspannt sich beim Yoga, tanzen (im Wohnzimmer) und beim Anschauen von Wohnungsgrundrissen
- Motto: Probieren geht über Studieren
Es war in der zweiten Klasse: Wir mussten eine Geschichte laut vorlesen, die wir schon unzählige Male gelesen hatten – ein Mädchen, das sein Fahrrad erst gelb, dann blau, dann grün anmalt. Ich kannte die Geschichte auswendig. Ich wusste in dem Moment aber nicht die Stelle, an der wir gerade waren. Eine Klassenkameradin hatte mich abgelenkt, wir kicherten, und die Lehrerin bekam das natürlich mit. Als „Strafe“ sagte sie: „Bianca, du liest weiter.“
„Eine Klassenkameradin hatte mich abgelenkt, wir kicherten, und die Lehrerin bekam das natürlich mit. Als „Strafe“ sagte sie: „Bianca, du liest weiter.“
Bianca Limbach
Ich wusste nicht, wo. Ich wusste nicht, wie. Doch ich wusste vor allem: Ich darf mir keine Blöße geben. Also beugte ich mich über das Buch, fuhr mit dem Finger über die Zeilen und tat, als würde ich lesen. Ich erzählte die Geschichte einfach nach – frei, aus dem Gedächtnis, völlig überzeugt davon, dass ich das irgendwie retten könnte. Ich las nicht. Ich spielte Lesen. Und meine Lehrerin sah das. Sie sah alles. Und sie ließ das – in meiner Erinnerung – sehr lange laufen.
Irgendwann lachte die Klasse. Erst leise, dann lauter, dann schallend. Aber die Lehrerin stoppte mich immer noch nicht. Sie ließ mich so lange „vorlesen“, bis auch der Letzte gemerkt hatte, dass ich nur so tat. Ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl von Hitze im Gesicht, an das Brennen in den Augen. Dieser Moment hat eine Tür zugeschlagen, lange bevor ich verstanden habe, dass man sie auch hätte öffnen können..


Ich heiße Bianca und bin Jahrgang 1976. Ich habe erst spät verstanden, warum mir Lesen und vor allem Rechtschreibung so schwerfielen.
In meinen frühen Schulheften war der erste Buchstabe eines Wortes oft richtig, danach wurde es Kuddelmuddel. Ich hörte den Anfang – den Rest habe ich geraten. Bei mir zu Hause (durchschnittlicher Mittelstand mit deutscher Muttersprache) wurde wenig gelesen oder vorgelesen; Bücher standen im Regal, waren aber eher Dekoration. Ich habe trotzdem meinen Weg durch die Schule gefunden. In Deutsch waren die Diktate rot vor Fehlern, aber ich war gut im Mündlichen und habe viel kompensiert. Nach der Realschule bin ich auf ein eher bodenständiges Gymnasium gewechselt, habe dort das Abitur geschafft und gemerkt: Interpretation kann ich, Denken kann ich, Inhalte verstehe ich – nur die Rechtschreibung blieb ein Thema.
Mich hat Umweltbildung früh begeistert. Nach dem Abi machte ich ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in Hannover. Danach ging ich zum Studieren nach Berlin – ohne großes finanzielles Netz, aber mit viel Pragmatismus. Ich habe mich durchgefragt, Hilfe geholt, wenn ich sie brauchte, und gearbeitet, um mir das Studium zu finanzieren. Organisieren, Anpacken, Menschen zusammenbringen – das sind bis heute meine Stärken.
Der Wendepunkt kam im Studium. Ich habe als studentische Mitarbeiterin am Arbeitsbereich für Umweltbildung an der Freien Universität Berlin gearbeitet. Dort half ich auch im Sekretariat aus. Ich sollte einen kurzen Bestellbrief schreiben – drei Zeilen, nichts Dramatisches. Genau da wurde sichtbar, wie groß meine Unsicherheit beim Schreiben noch war. Eine Kollegin sprach mich nach Feierabend behutsam darauf an. Es tat weh. Ich schämte mich. Ich weinte sehr, auch vor ihr. Gleichzeitig war es eine sehr ehrliche und hilfreiche Begegnung. Sie sagte: „Du bist doch nicht dumm. Du verbaust dir aber deine Chancen – hol dir Unterstützung.“ Diese Mischung aus Klarheit und Vertrauen hat etwas in Bewegung gesetzt.
Ich habe mir Zeit gelassen und dann einen Rechtschreibkurs beim AOB – dem Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe e.V. in Berlin-Kreuzberg – besucht. Beim Einstufungstest landete ich in einer Gruppe mit Menschen, die wie ich studierten oder studiert hatten. Das hat mir den entscheidenden Druck genommen. Wir haben kreativ geschrieben und trotzdem systematisch Rechtschreibung geübt. Eine Methode hat mir besonders geholfen: Die Lehrerin kennzeichnete am Ende jeder Zeile nur die Anzahl der Fehler – nicht die Fehler selbst. Ich musste sie selbst finden. So lernte ich, Wörter bewusst zu lesen, statt nur zu raten. In dieser Zeit habe ich auch verstanden, wie ich lerne: visuell. Hören, Silben klatschen – all das half und hilft mir bis heute nicht. Sehen, vergleichen, wiedererkennen – das war und ist mein Schlüssel.
„Mein Weg war nie geradlinig, aber er war meiner! Ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen, dranzubleiben und aus kleinen Schritten große Veränderungen zu machen.“
Bianca Limbach
In den zweieinhalb Jahren Kurs ist viel passiert. Ich habe Sicherheit gewonnen, Texte veröffentlicht und gemerkt, dass Schreiben ein Ausdruck sein kann – nicht nur ein Stolperstein. Vor allem aber habe ich Selbstvertrauen aufgebaut. Ich bin dankbar, dass mein Professor und die Sekretärin damals an der Uni mich motiviert und mir den Rücken freigehalten hat. Meine Schwäche wurde zur Quelle einer Stärke: Ich kann heute offen darüber sprechen, andere ermutigen und – das überrascht viele – im Beruf Texte gegenlesen. Perfekt bin ich nicht. Das muss ich auch nicht sein. Ich weiß, wie ich mir helfen kann, wann ich jemanden drüberschauen lasse und dass es auf den Inhalt, die Struktur und den Mut ankommt.
Heute engagiere ich mich für die Themen, die mir etwas bedeuten: Umweltschutz mithilfe nachhaltiger Körperpflege sowie Grundbildung und geringe Literalität. Hierzu gebe ich auch Schulungen und versuche, das Tabu zu nehmen. Ansprechen hilft. Nicht entlarvend, sondern zugewandt, ermutigend. Viele Menschen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben – ganz egal, ob sie auf Alpha-Level eins, zwei, drei oder höher sind – haben Strategien entwickelt, um das zu kaschieren. Das kann stark machen – aber auch einsam. Es ist eine Erleichterung, wenn jemand sagt: „Ich sehe das. Es gibt Wege. Ich geh mit dir den ersten Schritt.“ Für mich persönlich spielen Bibliotheken dabei eine große Rolle. Sie sind längst mehr als Bücherregale: Orte mit Musik, Filmen, Veranstaltungen – und Menschen, die offen sind für unterschiedliche Lernwege. Solche Zugänge hätte ich mir früher gewünscht.

Mein Weg war nie geradlinig, aber er war meiner! Ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen, dranzubleiben und aus kleinen Schritten große Veränderungen zu machen. „Probieren geht über Studieren“ – das ist mein Motto.Ich habe Diplompädagogik und Umweltmanagement als freiwilliges Zusatzfach studiert und abgeschlossen, bin im Eventbereich fest angestellt, betreibe einen Online-Shop für nachhaltige Körperpflege, bin aktiv in einem genossenschaftlichen Supermarkt, habe mich für gerechtes Wohnen engagiert und sogar eine eigene kleine Veröffentlichung aus dem Kurs mit geschrieben. Auch der Stiftung Grundbildung Berlin bin ich weiterhin treu und gebe Sensibilisierungsschulungen. Ich lese heute gern – auch Romane. Manchmal brauche ich einen Stift oder den Finger, um die Augen zu führen. Manchmal frage ich meinen Partner nach einem Wort. Es ist okay, so zu sein. Wichtig ist, dass ich mir das Leben erschlossen habe, das ich führen will.
„Erfolg bedeutet für mich nicht „Haus, Auto, Konto“, sondern das zu erreichen, was ich mir vornehme – in kleinen, machbaren Schritten. Genau so bin ich weitergegangen.“
Bianca Limbach
Wenn ich Menschen begegne, die mit dem Lesen oder Schreiben kämpfen, sage ich: Du bist nicht allein. Es hat nichts mit Intelligenz zu tun. Nimm Unterstützung an, wenn du einen Funken Mut spürst. Ein Kurs ist kein Urteil – er ist ein Türöffner. Jede Zeile, die du dir eroberst, erweitert deine Welt. Erfolg bedeutet für mich nicht „Haus, Auto, Konto“, sondern das zu erreichen, was ich mir vornehme – in kleinen, machbaren Schritten. Genau so bin ich weitergegangen. Und genau so geht es weiter.

Meine Tipps für andere Menschen mit Problemen beim Lesen und Schreiben:
• Trau dich zum ersten Schritt – lieber heute klein als morgen gar nicht.
• Such dir Lernformen, die zu dir passen (visuell, kreativ, praktisch).
• Hol dir Verbündete: Kursleitung, Freundinnen, Bibliothek, Kolleginnen.
• Feiere jeden Fortschritt. Perfekt muss es nicht sein – wirksam reicht.
Literalität bedeutet:
Du kannst gut lesen und schreiben.
Du kannst mit geschriebenen Worten umgehen.
Das ist wichtig für das Leben in der Gesellschaft.
Die Gesellschaft hat Regeln.
Zum Beispiel: Wie man schreibt.
Und was man beim Schreiben beachten muss.
Du kannst diese Regeln gut verstehen und anwenden.
Gering literalisierte Menschen können das nicht so gut.
Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe e.V.
Zweck des Vereins ist es, Erwachsene und Jugendliche, die nicht oder nicht ausreichend lesen und schreiben können, durch ein Angebot an Lese- und Rechtschreibkursen, psychosoziale Beratung und Lernberatung zu unterstützen. Ziel ist die Erweiterung ihrer Kompetenzen im Grundbildungsbereich, um am gesellschaftlichen Leben angemessen teilhaben zu können.
„e.V.“ ist die Abkürzung für „eingetragener Verein“ und bezieht sich auf eine bestimmte Rechtsform für Vereine in Deutschland. Ein eingetragener Verein ist eine Organisation, die sich aus einer Gruppe von Menschen zusammensetzt, die gemeinsame Interessen oder Ziele haben.





